Jedes Jahr dasselbe Ritual: Am 1. Januar starten Millionen Menschen mit den besten Absichten. Mehr Sport, weniger Zucker, endlich mit dem Rauchen aufhören. Und jedes Jahr das gleiche Ergebnis: Nach wenigen Wochen sind die meisten Vorsätze vergessen. Woran liegt das? Und gibt es einen Weg, der wirklich funktioniert?

Der Irrtum des „vernünftigen Menschen“

Lange Zeit galt in Wirtschaft und Psychologie das Modell des „Homo oeconomicus“ – die Vorstellung, dass Menschen rationale Wesen sind, die ihre Entscheidungen nach logischen Kosten-Nutzen-Abwägungen treffen. Nach diesem Bild müsste es ausreichen, einen vernünftigen Vorsatz zu fassen, und schon würden wir ihn umsetzen.

Doch dieses Menschenbild ist wissenschaftlich widerlegt. Die Verhaltensökonomie, die Neurowissenschaften und die moderne Psychologie zeigen übereinstimmend: Wir sind keine rationalen Maschinen. Wir sind emotionale Wesen. Unsere Entscheidungen werden weit stärker von Gefühlen gesteuert als vom Verstand – und das ist keine Schwäche, sondern schlicht unsere Natur.

Genau hier liegt das Problem mit den klassischen Neujahrsvorsätzen: Sie entstehen im Kopf. „Ich sollte abnehmen“ – das ist eine Einsicht des Verstandes. „Ich müsste mich mehr bewegen“ – auch das wissen wir kognitiv. Doch wenn morgens der Wecker klingelt und es draußen kalt und dunkel ist, gewinnt nicht der kluge Plan. Es gewinnt das Gefühl.

Warum Begeisterung der Schlüssel ist

Der Neurobiologe Gerald Hüther hat diese Zusammenhänge auf den Punkt gebracht:

„Begeisterung ist Dünger für das Gehirn. Sie können sich noch so viel Mühe geben, eine neue Vernetzung in Ihre Birne zu bekommen – wenn die Begeisterung nicht da ist, passiert nichts.“

– Gerald Hüther

Das ist keine poetische Übertreibung, sondern Neurobiologie: Wenn wir für etwas brennen, schüttet unser Gehirn Botenstoffe aus, die neue neuronale Verbindungen fördern. Begeisterung ermöglicht Lernen und Veränderung auf einer körperlichen Ebene. Ohne diese emotionale Aufladung bleibt selbst der beste Vorsatz ein zahnloser Tiger.

Die gute Nachricht: Wenn wir aufhören, gegen unsere emotionale Natur anzukämpfen, und stattdessen mit ihr arbeiten, wird Veränderung nicht nur erfolgreicher – sie wird auch leichter und angenehmer. Statt uns mit Willenskraft durch Widerstand zu quälen, können wir die Kraft unserer Gefühle nutzen, um uns tragen zu lassen.

Der innere Kampf, der uns blockiert

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum so viele Vorsätze scheitern: Wir führen einen inneren Krieg gegen uns selbst.

In der Psychologie sprechen wir häufig von verschiedenen inneren Anteilen. Zwei davon spielen bei Neujahrsvorsätzen eine besondere Rolle: Der innere Kritiker und das innere Kind.

Der innere Kritiker ist die Stimme, die sagt: „Du bist zu dick. Du bist zu faul. Du musst dich endlich zusammenreißen.“ Er formuliert die Vorsätze – streng, fordernd, oft mit einem Unterton von Verachtung. Er glaubt, dass Druck und Strenge der Weg zur Veränderung sind.

Das innere Kind hingegen reagiert auf diesen Druck, wie Kinder es tun: mit Trotz, mit Rückzug, mit Verweigerung. Oder es fühlt sich beschämt, klein und unfähig. Kein Wunder, dass es sich unter der warmen Bettdecke versteckt, wenn der Kritiker morgens um sechs mit der Jogginghose wedelt.

Was hier passiert, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine ganz normale Reaktion auf innere Gewalt. Wenn wir uns selbst mit Härte begegnen, erzeugen wir Widerstand – nicht Veränderung.

Echte Veränderung entsteht nicht durch den Sieg des Kritikers über das Kind. Sie entsteht, wenn wir einen dritten Weg finden: einen Weg, der beide Anteile anerkennt. Einen Weg, der fragt: Was brauche ich wirklich? Was würde mich nähren statt zu bestrafen?

SMART-Ziele: Ein Werkzeug – mit einer wichtigen Ergänzung

In Coaching und Beratung hat sich die SMART-Formel für gute Zielformulierung etabliert:

S – Spezifisch: Was genau wollen Sie erreichen?

M – Messbar: Woran erkennen Sie den Erfolg?

A – Attraktiv: Ist das Ziel für Sie persönlich erstrebenswert?

R – Realistisch: Ist es unter Ihren Umständen erreichbar?

T – Terminiert: Bis wann wollen Sie es erreicht haben? Und wie lange probieren sie das neue Verhalten aus?

Diese Struktur ist hilfreich. Doch der entscheidende Buchstabe wird oft übersehen: das A. „Attraktiv“ meint nicht „vernünftig“ oder „sinnvoll“. Es meint: Spüren Sie etwas, wenn Sie an dieses Ziel denken? Kribbelt es? Leuchten Ihre Augen? Fühlen Sie Vorfreude, Sehnsucht, Energie?

Wenn nicht, fehlt Ihrem Ziel der emotionale Treibstoff. Dann ist es vielleicht gar nicht Ihr eigenes Ziel – sondern eines, das Sie von anderen übernommen haben: von Eltern, vom Partner, von gesellschaftlichen Erwartungen. Solche Ziele tragen nicht, wenn es schwierig wird. Und häufig stammen sie aus der Stimme des inneren Kritikers, nicht aus einem echten eigenen Bedürfnis.

Der leichtere Weg

Was wäre, wenn Veränderung nicht bedeuten müsste, sich zu quälen? Was wäre, wenn der Weg zum Ziel sich gut anfühlen dürfte?

In der humanistischen Psychologie, die meine therapeutische Arbeit prägt, gehen wir davon aus, dass jeder Mensch ein natürliches Bedürfnis nach Wachstum und Entfaltung hat. Wir müssen uns nicht zu Veränderung zwingen – wir dürfen herausfinden, welche Veränderung uns wirklich ruft. Die Frage ist nicht: „Wozu sollte ich mich überwinden?“ Sondern: „Was würde mich lebendig machen?“

Dieser Weg ist nicht nur erfolgversprechender – er ist auch angenehmer. Statt gegen uns selbst zu kämpfen, lernen wir, mit uns zusammenzuarbeiten. Statt den inneren Kritiker gewinnen zu lassen, laden wir auch das innere Kind ein, mitzukommen. Dann entsteht Bewegung, die sich nicht nach Zwang anfühlt, sondern nach Aufbruch.

Diese Frage zu beantworten, erfordert manchmal Mut. Unter den Schichten von „Ich sollte“ und „Man muss“ liegt oft eine Sehnsucht verborgen, die wir uns selbst kaum eingestehen. Doch genau dort wartet die Energie, die Veränderung möglich macht – nicht durch Druck, sondern durch Anziehung.

Möchten Sie herausfinden, was Sie wirklich bewegt?

In meiner Praxis in Hamburg-Bergedorf begleite ich Menschen dabei, hinter die rationalen „Ich sollte“-Sätze zu schauen. Gemeinsam erforschen wir, welche Ziele wirklich Ihre sind – und finden Wege, die sich nicht nach Kampf anfühlen, sondern nach Aufbruch.

Wenn Sie neugierig sind, freue ich mich über Ihre Nachricht.

Dirk Schulte

Heilpraktiker für Psychotherapie

Hamburg-Bergedorf